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13/02/2015

"Quai West in Nürnberg : Kein Bullshit" - Viktoria Knuth - www.theaternomadin.com 21th January 2015

Quai West in Nürnberg – Kein Bullshit
Régis Campo. Das ist der derzeitige Composer in Residence am Staatstheater Nürnberg, Komponist der neuen Oper Quai West und ein Name, den man sich merken sollte. Die Produktion, die seit dem 17. Januar 2015 in Nürnberg zu sehen ist, ist soetwas wie eine zweite Uraufführung. Denn eigentlich hatte das Stück in einer französischen Fassung unter dem Titel Quai ouest und in der gleichen Inszenierung von Kristian Frédric bereits im September 2014 seine Uraufführung an der Opéra national du Rhin Strasbourg. Für Nürnberg hat Régis
Campo allerdings eine revidierte Fassung geschrieben, in der er die Gesangslinien der deutschen Übersetzung angepasst und außerdem noch weitere Korrekturen in Rhythmik und Melodik vorgenommen hat. Campo selbst bezeichnet diese neue Fassung als schmutziger und sie gefällt ihm so gut, dass er die Änderungen auch auf die französische Version rückübertragen wird. Das nenne ich mal eine konstruktive deutsch-französische Kooperation ohne Attitüde!
Ortsangabe
Quai West ist keine Oper über tragische Helden. Es ist auch keine Oper über das Schicksal zweier Liebender. Quai West erzählt nicht einmal eine Geschichte im klassischen Sinne. Das Stück besteht vielmehr aus einer Abfolge von Szenen, die sich auch in einer anderen Reihenfolge oder gleichzeitig abspielen könnten. Das einzige, was diese einzelnen Episoden verbindet, ist der Ort: Ein verfallener Hangar an einem Hafen. Dorthin gelangt beispielsweise der Geschäftsmann Maurice, der sich dort umbringen (lassen) will. Seine Sekretärin Monique begleitet ihn und will ihn um jeden Preis von seinem Vorhaben abhalten. Dann gibt es noch eine Familie, die diesen verlassenen Ort bewohnt. Die Mutter Cécile sehnt sich nach der südamerikanischen Heimat zurück. Der Vater Rodolfe, ein Kriegsveteran, hat sich in seinem Zynismus vergraben. Die Tochter Claire muss ständig fürchten vom Nachbarsjungen Fak vergewaltigt zu werden. Der Sohn Charles will endlich diesem Ort entfliehen. Und dann ist da noch Abad. Eine eigenartige Gestalt, deren Herkunft, Wünsche und Motivationen im Verborgenen bleiben. Die Verflechtungen zwischen diesen Figuren sind so mannigfaltig wie unverständlich. Die drei Jungen Charles, Fak und Abad sind einerseits soetwas wie Brüder im
Geiste, andererseits auch Konkurrenten und Verhandlungspartner. Die Eltern von Claire und Charles sind ihren Kindern gegenüber alles andere als fürsorglich, sondern egoistisch und berechnend. Rodolfe gibt sogar den Mord an seinem eigenen Sohn in Auftrag. Monique scheint die Geliebte von Maurice zu sein. Und Abad ist in dieser kleinen Gesellschaft Außenseiter und Zentrum zugleich.
Erzählt neue Geschichten!
Der fragmentarische Handlungsaufbau von Quai West steht ganz in der Tradition der Postmoderne, deren Slogans ungefähr so klingen könnten: “Es gibt keine neuen Geschichten! Alles ist Zitat! Es gibt keine Ordnung!” Wenn man die Oper vor diesem Hintergrund liest, scheint das Ziel der Autoren erreicht zu sein. Denn Quai West hinterlässt den Zuschauer mit einem diffusen Gefühl von Verlorenheit, Ratlosigkeit und Mitleid mit den teilweise gemütskranken Figuren.
Aber reicht dieses Ergebnis, um eine ganze Oper zu rechtfertigen? Ohne Zweifel ist die
Figurenzeichnung bereits in der gleichnamigen Dramenvorlage von Bernard-Marie Koltès sehr klar und schockierend unpathetisch – genau das ist es, was den Erfolg seiner Stücke besonders in den 1980er Jahren ausgemacht hat. Aber ob Handlungsstränge, die sich kausal nicht aufeinander beziehen oder sich im Nichts verlieren, tatsächlich der richtige Stoff für ein Opernlibretto sind, ist durchaus diskutabel.
Fremde sind wir uns selbst
Die groteske, aber dennoch menschliche Personenführung von Regisseur Kristian Frédric schaffte es, mich trotz dieser Einwände an das rätselhafte Geschehen zu fesseln. Dabei folgt er dem schnörkellosen Stil von Koltès – das teils abartige Verhalten der Figuren wird nie gewertet und auch nie so überzogen dargestellt, dass es unmöglich erscheint. Die Darstellung von Abad, einer stummen Rolle, zeigt hier besonders gut, wie sensibel Frédric mit dem Spiel zwischen Banalität und Surrealität umgeht.
Diese Rolle wurde bereits im Schauspiel als Farbiger mit afrikanischem Hintergrund konzipiert (und sollte schon damals gemäß dem Autor immer mit farbigen Darstellern besetzt werden). In Nürnberg (wie auch in Strasbourg) ist diese Figur Anfang und Ende – manchmal menschlich, manchmal übernatürlich, immer irgendwie fremd. Er bewegt sich souverän durch den menschenfeindlichen Hangar, aber scheint gerade die Person in dieser Nachbarschaft zu sein, deren Herkunft am weitesten davon entfernt liegt. Sein Oberkörper ist mit schwarzen Symbolen und Markierungen versehen. Wurden sie als Teil eines mythischen Rituals aufgetragen? Die anderen Figuren jedenfalls begegnen ihm meist auf eine rituelle und dabei rührend unbeholfene Weise. Sie suchen durch einfache, aber aufgeladene Berührungen nach Absolution für ihr Tun. Er ist Beichtvater, aber auch Komplize. Bruder, aber auch Feind. Und diese Widersprüche werden bis zum Ende nicht aufgehoben.
Stahl in Bewegung
Wenn der Mittelpunkt von Quai West nun keine Person, sondern ein Ort ist, wie sieht dann also das Bühnenbild aus? Die Bühne ist eine naturalistische Darstellung einer alten Lagerhalle. Hier gibt es zwei portalhohe Wände, die für fast jede Szene neu arrangiert werden. Die schwerfälligen Bewegungen passieren dann meist parallel zu einem röhrenden Geräusch, das eigentlich ein Schiffshorn am Hafen nachahmen soll. Toll, wie durch eine so simple Parallelsetzung Bedeutungsfelder von Aufbruch, stetiger Veränderung, Warnung oder Hoffnung geöffnet werden.
Zusammen mit dem sehr kontrastreichen Lichtdesign fällt dann auch die Assoziation mit Filmen von David Lynch nicht schwer. Wenn beispielsweise ein Lichtgang zwischen zwei Wänden entsteht, durch den Abad langsam aber völlig schlicht auftritt, weiß man nicht, ob er eine Heiligenerscheinung ist oder ein Monster.
Mit Witz und Stilen
Der Komponist Régis Campo hat zu diesem dunklen eine sehr vielseitige Musik geschaffen. Man kann seinen Stil frei heraus als eklektisch bezeichnen – Campo selbst hat mit dieser Charakterisierung jedenfalls kein Problem. Er folgt konkret bei Quai West dem Stil von Koltès, der eine sogenannte falsche Einfachheit in seine Sprache legt. Das bedeutet, dass der scheinbare umgangssprachliche Straßenjargon in Wirklichkeit eine Kunstsprache ist. Dieses Prinzip auf die Musik übertragen bedeutet, dass sie zwar vordergründig leicht und einfach wirkt, es aber gerade nicht ist. Außerdem vermeidet Campo ebenso wie Koltès jegliches
Pathos – er vermeidet die Bebilderung der szenischen Vorgänge. Seine Musik steht dem Geschehen neutral gegenüber. Trotzdem ist die Komposition von Campo sehr humorvoll und intuitiv. Es wird deklamiert, glissandiert, gelacht, gerufen. Und das alles mit einer Leichtigkeit, die ungekünstelt wirkt. Auch E-Gitarren und sogar Gartenschläuche aus dem Baumarkt haben in Campos Komposition und in den Orchestergraben gefunden. Letztere konnte ich aus dem Parkett leider (leider!) nicht in Aktion sehen.
Quai West ist vielleicht nicht der richtige Stoff für eine populäre Oper – die Naivität und das Einfühlungsvermögen der Komposition lässt aber hoffen. Auf weitere Opern von Régis Campo.
Viktoria Knuth

http://www.theaternomadin.com/2015/01/campo-quai-west-nuernberg-fredric/https://www.youtube.com/watch?v=26afqRKfDwo















Abad (Augustin Dikongué) und Charles (Hans Kittelmann), Quai West am Staatstheater Nürnberg, Foto: Ludwig Olah

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