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19/02/2015

"Bernard-Marie Koltès entre à la BNF" par Thierry Clermont - Le Figaro 19.02.2015








Bernard-Marie Koltès entre à la BNF
La Bibliothèque nationale de France va accueillir les archives du grand dramaturge, prématurément disparu à 41 ans en 1989.

Les archives de l'auteur dramatique et français Bernard-Marie Koltès vont entrer dans les collections de la Bibliothèque nationale de France, a annoncé la BNF. «Grâce à un don généreux de François Koltès, le frère de l'écrivain, et à l'achat de plusieurs manuscrits, les archives de Bernard-Marie Koltès rejoignent la BNF», a précisé la Bibliothèque dans un communiqué.

Les archives de l'auteur, décédé en 1989 à l'âge de 41 ans, se composent aussi bien de correspondances, de manuscrits que de documents audiovisuels. On y retrouve en particulier les manuscrits d'œuvres majeures comme Quai Ouest, Roberto Zucco (sa dernière pièce, controversée, créée en 1990 par Peter Stein) ou encore son roman La Fuite à cheval très loin dans la ville, publié en 1984.

Bernard-Marie Koltès avait connu tôt le succès et la reconnaissance de ses pairs. Dès 1983, ses pièces seront montées au théâtre Nanterre-Amandiers, dirigé par Patrice Chéreau, avec la création de Combat de nègre et de chiens(avec Michel Piccoli et Philippe Léotard). Quai Ouest suivra en 1986 (avec Maria Casarès, Jean-Marc Thibault, Jean-Paul Roussillon, Catherine Hiégel, Isaac de Bankolé…), puis, en 1988, Le Retour au désert, qui sera étrenné au théâtre du Rond-Point.

Ces archives «éclairent aussi des aspects moins connus de la carrière du dramaturge, tels que ses projets et réalisations cinématographiques - entre autres, le script et les notes de montage du film La Nuit perdue, tourné à Strasbourg sous sa direction en 1973», a souligné la BNF. C'est également à Strasbourg qu'a été créée l'adaptation lyrique de Quai Ouest, composée par Régis Campo, lors du festival de musique contemporaine Musica, l'automne dernier. Bernard-Marie Koltès avait déjà été mis à l'honneur dans l'exposition Théâtre ouvert, l'audace du texte, présentée dans la Galerie des donateurs à la BNF, en ce début d'année.

La plupart des textes de Bernard-Marie Koltès ont été publiés aux éditions de Minuit.


Par Thierry Clermont
Le Figaro 19.02.2015
http://www.lefigaro.fr/livres/2015/02/19/03005-20150219ARTFIG00401-bernard-marie-koltes-entre-a-la-bnf.php












Crédits photo: Rue Des Archives/Monier/Rue Des archives



13/02/2015

"Quai West in Nürnberg : Kein Bullshit" - Viktoria Knuth - www.theaternomadin.com 21th January 2015

Quai West in Nürnberg – Kein Bullshit
Régis Campo. Das ist der derzeitige Composer in Residence am Staatstheater Nürnberg, Komponist der neuen Oper Quai West und ein Name, den man sich merken sollte. Die Produktion, die seit dem 17. Januar 2015 in Nürnberg zu sehen ist, ist soetwas wie eine zweite Uraufführung. Denn eigentlich hatte das Stück in einer französischen Fassung unter dem Titel Quai ouest und in der gleichen Inszenierung von Kristian Frédric bereits im September 2014 seine Uraufführung an der Opéra national du Rhin Strasbourg. Für Nürnberg hat Régis
Campo allerdings eine revidierte Fassung geschrieben, in der er die Gesangslinien der deutschen Übersetzung angepasst und außerdem noch weitere Korrekturen in Rhythmik und Melodik vorgenommen hat. Campo selbst bezeichnet diese neue Fassung als schmutziger und sie gefällt ihm so gut, dass er die Änderungen auch auf die französische Version rückübertragen wird. Das nenne ich mal eine konstruktive deutsch-französische Kooperation ohne Attitüde!
Ortsangabe
Quai West ist keine Oper über tragische Helden. Es ist auch keine Oper über das Schicksal zweier Liebender. Quai West erzählt nicht einmal eine Geschichte im klassischen Sinne. Das Stück besteht vielmehr aus einer Abfolge von Szenen, die sich auch in einer anderen Reihenfolge oder gleichzeitig abspielen könnten. Das einzige, was diese einzelnen Episoden verbindet, ist der Ort: Ein verfallener Hangar an einem Hafen. Dorthin gelangt beispielsweise der Geschäftsmann Maurice, der sich dort umbringen (lassen) will. Seine Sekretärin Monique begleitet ihn und will ihn um jeden Preis von seinem Vorhaben abhalten. Dann gibt es noch eine Familie, die diesen verlassenen Ort bewohnt. Die Mutter Cécile sehnt sich nach der südamerikanischen Heimat zurück. Der Vater Rodolfe, ein Kriegsveteran, hat sich in seinem Zynismus vergraben. Die Tochter Claire muss ständig fürchten vom Nachbarsjungen Fak vergewaltigt zu werden. Der Sohn Charles will endlich diesem Ort entfliehen. Und dann ist da noch Abad. Eine eigenartige Gestalt, deren Herkunft, Wünsche und Motivationen im Verborgenen bleiben. Die Verflechtungen zwischen diesen Figuren sind so mannigfaltig wie unverständlich. Die drei Jungen Charles, Fak und Abad sind einerseits soetwas wie Brüder im
Geiste, andererseits auch Konkurrenten und Verhandlungspartner. Die Eltern von Claire und Charles sind ihren Kindern gegenüber alles andere als fürsorglich, sondern egoistisch und berechnend. Rodolfe gibt sogar den Mord an seinem eigenen Sohn in Auftrag. Monique scheint die Geliebte von Maurice zu sein. Und Abad ist in dieser kleinen Gesellschaft Außenseiter und Zentrum zugleich.
Erzählt neue Geschichten!
Der fragmentarische Handlungsaufbau von Quai West steht ganz in der Tradition der Postmoderne, deren Slogans ungefähr so klingen könnten: “Es gibt keine neuen Geschichten! Alles ist Zitat! Es gibt keine Ordnung!” Wenn man die Oper vor diesem Hintergrund liest, scheint das Ziel der Autoren erreicht zu sein. Denn Quai West hinterlässt den Zuschauer mit einem diffusen Gefühl von Verlorenheit, Ratlosigkeit und Mitleid mit den teilweise gemütskranken Figuren.
Aber reicht dieses Ergebnis, um eine ganze Oper zu rechtfertigen? Ohne Zweifel ist die
Figurenzeichnung bereits in der gleichnamigen Dramenvorlage von Bernard-Marie Koltès sehr klar und schockierend unpathetisch – genau das ist es, was den Erfolg seiner Stücke besonders in den 1980er Jahren ausgemacht hat. Aber ob Handlungsstränge, die sich kausal nicht aufeinander beziehen oder sich im Nichts verlieren, tatsächlich der richtige Stoff für ein Opernlibretto sind, ist durchaus diskutabel.
Fremde sind wir uns selbst
Die groteske, aber dennoch menschliche Personenführung von Regisseur Kristian Frédric schaffte es, mich trotz dieser Einwände an das rätselhafte Geschehen zu fesseln. Dabei folgt er dem schnörkellosen Stil von Koltès – das teils abartige Verhalten der Figuren wird nie gewertet und auch nie so überzogen dargestellt, dass es unmöglich erscheint. Die Darstellung von Abad, einer stummen Rolle, zeigt hier besonders gut, wie sensibel Frédric mit dem Spiel zwischen Banalität und Surrealität umgeht.
Diese Rolle wurde bereits im Schauspiel als Farbiger mit afrikanischem Hintergrund konzipiert (und sollte schon damals gemäß dem Autor immer mit farbigen Darstellern besetzt werden). In Nürnberg (wie auch in Strasbourg) ist diese Figur Anfang und Ende – manchmal menschlich, manchmal übernatürlich, immer irgendwie fremd. Er bewegt sich souverän durch den menschenfeindlichen Hangar, aber scheint gerade die Person in dieser Nachbarschaft zu sein, deren Herkunft am weitesten davon entfernt liegt. Sein Oberkörper ist mit schwarzen Symbolen und Markierungen versehen. Wurden sie als Teil eines mythischen Rituals aufgetragen? Die anderen Figuren jedenfalls begegnen ihm meist auf eine rituelle und dabei rührend unbeholfene Weise. Sie suchen durch einfache, aber aufgeladene Berührungen nach Absolution für ihr Tun. Er ist Beichtvater, aber auch Komplize. Bruder, aber auch Feind. Und diese Widersprüche werden bis zum Ende nicht aufgehoben.
Stahl in Bewegung
Wenn der Mittelpunkt von Quai West nun keine Person, sondern ein Ort ist, wie sieht dann also das Bühnenbild aus? Die Bühne ist eine naturalistische Darstellung einer alten Lagerhalle. Hier gibt es zwei portalhohe Wände, die für fast jede Szene neu arrangiert werden. Die schwerfälligen Bewegungen passieren dann meist parallel zu einem röhrenden Geräusch, das eigentlich ein Schiffshorn am Hafen nachahmen soll. Toll, wie durch eine so simple Parallelsetzung Bedeutungsfelder von Aufbruch, stetiger Veränderung, Warnung oder Hoffnung geöffnet werden.
Zusammen mit dem sehr kontrastreichen Lichtdesign fällt dann auch die Assoziation mit Filmen von David Lynch nicht schwer. Wenn beispielsweise ein Lichtgang zwischen zwei Wänden entsteht, durch den Abad langsam aber völlig schlicht auftritt, weiß man nicht, ob er eine Heiligenerscheinung ist oder ein Monster.
Mit Witz und Stilen
Der Komponist Régis Campo hat zu diesem dunklen eine sehr vielseitige Musik geschaffen. Man kann seinen Stil frei heraus als eklektisch bezeichnen – Campo selbst hat mit dieser Charakterisierung jedenfalls kein Problem. Er folgt konkret bei Quai West dem Stil von Koltès, der eine sogenannte falsche Einfachheit in seine Sprache legt. Das bedeutet, dass der scheinbare umgangssprachliche Straßenjargon in Wirklichkeit eine Kunstsprache ist. Dieses Prinzip auf die Musik übertragen bedeutet, dass sie zwar vordergründig leicht und einfach wirkt, es aber gerade nicht ist. Außerdem vermeidet Campo ebenso wie Koltès jegliches
Pathos – er vermeidet die Bebilderung der szenischen Vorgänge. Seine Musik steht dem Geschehen neutral gegenüber. Trotzdem ist die Komposition von Campo sehr humorvoll und intuitiv. Es wird deklamiert, glissandiert, gelacht, gerufen. Und das alles mit einer Leichtigkeit, die ungekünstelt wirkt. Auch E-Gitarren und sogar Gartenschläuche aus dem Baumarkt haben in Campos Komposition und in den Orchestergraben gefunden. Letztere konnte ich aus dem Parkett leider (leider!) nicht in Aktion sehen.
Quai West ist vielleicht nicht der richtige Stoff für eine populäre Oper – die Naivität und das Einfühlungsvermögen der Komposition lässt aber hoffen. Auf weitere Opern von Régis Campo.
Viktoria Knuth

http://www.theaternomadin.com/2015/01/campo-quai-west-nuernberg-fredric/https://www.youtube.com/watch?v=26afqRKfDwo















Abad (Augustin Dikongué) und Charles (Hans Kittelmann), Quai West am Staatstheater Nürnberg, Foto: Ludwig Olah

"Bernard-Marie Koltès: Vom Theater an die Oper" Sabine Weber - www.parisberlinmag.com





Bernard-Marie Koltès: Vom Theater an die Oper

Noch heute gilt Bernard-Marie Koltès als einer der modernsten und ist einer der meistgespielten französischen Bühnendramatiker. Sein früher Tod 1989 hat zu seinem Mythos beigetragen. Und an diesem wird weitergearbeitet - seit letztem Jahr gibt es eine Koltès-Oper. 
Im September hat die Straßburger Opéra national du Rhin die Spielzeit 2014-2015 mit der Uraufführung der Oper Quai Ouest eröffnet. Deren Libretto ist Wort für Wort aus dem gleichnamigen Bühnenstück des französischen Dramatikers Bernard-Marie Koltès (1948-1989) entwickelt worden. Auch an der Staatsoper in Nürnberg ist die von Régis Campo vertonte und von Kristian Frédric inszenierte Oper ab Januar zu sehen. Von dort ging die Initiative zu dieser Koproduktion aus, die von persönlichen Kontakten lebt. Frédric kennt den Nürnberger Intendanten Peter Theiler und träumte schon länger davon, aus einem Stück von Koltès eine Oper zu machen. "Es ist eine Sprache, die mich berührt, die mich umhaut, ich kann es ihnen gar nicht erklären", schwärmt Frédric. "Koltès verpflichtet, sich selbst zu betrachten. Und er lässt einen dabei schwanken, unglaublich." Theiler lässt sich überzeugen und holt seinen Intendantenkollegen Marc Clémeur von der Opéra national du Rhin ins Boot. Frédric, der François Koltès, den älteren Bruder von Bernard-Marie kennt, kümmert sich um die Aufführungsrechte.
Stricher, Junkies und Ganoven
Koltès, der mit nur 41 Jahren an Aids verstarb, hat Kristian Frédric noch persönlich erlebt. Als kleiner Assistent des weltberühmten Theater- und Opernregisseurs Patrice Chéreau war er im Pariser Théâtre des Amandiers bei einer Leseprobe mit Koltès dabei. Ein unvergessliches Erlebnis für Frédric. Das Théâtre des Amandiers ist unter anderem mit Koltès berühmt geworden. Chéreau hatte seine erste Spielzeit als Theaterdirektor 1983 mit einem Stück von Koltès eröffnet. Ein Bekenntnis zu einem Autoren, der ungewöhnliche Schauplätze ins Theater bringt: Autobahnen, Industriebrachen oder kaputte Bars, bevölkert von Strichern, Junkies, Ganoven, Migranten und Ausländern. Schon die Titel sprechen für sich: Combat de nègre et de chiens (1981) oder Dans la solitude des champs de coton (1987). Handlung gibt es meist wenig, Auseinandersetzungen und Kollisionen finden in Dialogen statt. So will in Quai Ouest (1986) ein unlauterer Geschäfts- mann namens Koch Selbstmord begehen. Mit Chefsekretärin im Schlepptau trifft er in einem verlassenen Hafenviertel auf illegale Einwanderer. Jeder versucht seinem Schicksal zu entkommen oder es herauszufordern. Die wichtigste Figur ist ein stummer Nordafrikaner, dessen Gedanken schwarz umrandet im Textbuch nachzulesen sind.Quai Ouest sei "ein sperriges Stück wegen der ungewöhnlich langen Monologe", meint Thomas Maagh, Lektor im Frankfurter Verlag der Autoren, der seit 2002 die deutschsprachigen Aufführungsrechte hält. In einer umstrittenen "freien Übersetzung" von Heiner Müller kam Quai West bereits 1986 in Bochum und Mannheim auf die Bühne. Hamburg, Dortmund, Stuttgart und Kassel folgten. 2010 wird das Stück in neuer Inszenierung am Wiener Burgtheater und an der Berliner Volksbühne aufgeführt. Auch Koltès' letztes Werk Roberto Zucco (1988) erlebt in Berlin seine posthume Uraufführung, 1990 an der Schaubühne inszeniert von Peter Stein. "Seit 1983 wurde Bernard-Marie in Deutschland deutlich häufiger gespielt als in Frankreich", so Koltès' Bruder François. "Chéreau hat in Frankreich die Hand über ihn gehalten." An dem Koltès-Chéreau-Label habe sich dort niemand vorbei gewagt.Ganz andere Möglichkeiten hatten sich Koltès in der deutschen Bühnenlandschaft mit ihren vielen Theaterhäusern eröffnet. Nicht einzelne Koltès-Inszenierungen haben hier stilbildend oder dominant gewirkt. "Zu unterschiedlichen Zeiten haben Regisseure unterschiedliche Aspekte in seinem Werk entdeckt und herausgearbeitet", so Thomas Maagh. In den 1980er-Jahren seien es die heruntergekommenen "coolen" Milieus gewesen und die gesellschaftlichen Randfiguren. Heute seien es die Migrationsthematik und die Frage nach den Folgen der Globalisierung.Aber taugt dieses Underdogtheater denn auch für die Oper? Kristian Frédric meint ja. Zusammen mit Florence Doublet hat er das Libretto erarbeitet, das im Wesentlichen eine gekürzte Fassung von Koltès Bühnentext ist. Der Komponist Régis Campo hat dazu 30 Sequenzen vertont. "Ich glaube, Campos Musik vermag die Atmosphäre des Stückes ganz gut wiederzugeben", meint Dirigent Marcus Bosch, der die Straßburger Uraufführung geleitet hat. Im Rahmen der Koproduktion wird er als Generalmusikdirektor auch in Nürnberg im Orchestergraben stehen. Seit Jahrzehnten würden Operninszenierungen in prekäre Milieus wie die von Quai Ouest verlegt, meint Bosch. Die Oper spiele aber schon von vornherein in einer dunklen, gottverlassenen Hafenhalle.Der "Clash der Kulturen" findet auch in der Musik von Régis Campo seinen Wiederhall. Jazzige Rhythmen, ein Damenterzett in Rosenkavalierqualität, folkloristische Anleihen oder Elektrosounds aus dem Synthesizer und von zwei Elektrogitarren mischt der Komponist für die Charakterisierungen der Figuren ab. Mit Neuer Musik hat das aber wenig zu tun. Die sieben Sänger, darunter ein Countertenor, sorgen für den klassischen Opernton und singen offenkundig dankbare Partien für die Solisten. Bei der Uraufführung im September wurde Quai Ouest vom französischen Publikum gefeiert. Im Januar wird die Oper nun auch in Koltès' deutscher Theaterheimat auf den Prüfstein gestellt.
Sabine Weber
13.02.2015
http://www.parisberlinmag.com/kultur/bernard-marie-koltes-vom-theater-an-die-oper_a-140-3199.html


11/02/2015

„Die Musik, das ist der Ort“ Gespräch mit dem Komponisten Régis Campo - Das Gespräch führte Kai Weiler - Program Notes Staatstheater Nürnberg

„Die Musik, das ist der Ort“
Gespräch mit dem Komponisten Régis Campo

Program Notes Staatstheater Nürnberg


Régis Campo, mit „Quai West“ haben Sie als erster Komponist überhaupt eine Oper nach einem Drama von Bernard-Marie Koltès geschrieben. Wie ist Ihr Verhältnis zu diesem Autor? Wie sehr fordert Koltès’ Stück zu Musik heraus?
Ich kenne die Werke von Bernard-Marie Koltès schon lange, denn seine Stücke waren in den 1980er Jahren sehr modernes Theater. Koltès bildete damals das Gegenmodell zum sehr populären Theater Samuel Becketts, vor allem in den Inszenierungen von Patrice Chéreau, der fast alle Uraufführungen von Koltès gemacht hat. In Frankreich sind alle von Koltès fasziniert, weil er mit sehr einfachen Worten einen sehr poetischen Stil erzeugt. Die Figur des Charles in „Quai West“ ist dafür ein gutes Beispiel: Dieser „Bad Boy“ redet scheinbar in einem Straßenjargon, einer Umgangssprache der Jugendlichen, aber dennoch ist es eine Kunstsprache. Es liegt eine falsche Einfachheit in dieser Sprache, genau wie der Realismus von Koltès ein gebrochener Realismus ist. Gerade „Quai West“ zeigt eine Realität des Traums, eine surreale Welt mit ganz eigenen Gesetzen. Das ist etwas, was mich sehr interessiert. Diese „falsche Einfachheit“ (fausse simplicité) bei Koltès entspricht meiner Auffassung von Musik, die auch vordergründig leicht und einfach wirkt, es aber gerade nicht ist.


Ihre Oper basiert auf einem Libretto, das Kristian Frédric und Florence Doublet nach Koltès’ Drama eingerichtet haben. Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie das Stück verändert?
Zunächst war es uns wichtig, diesen Charakter des Traums, des Surrealen im Libretto zu bewahren. Natürlich muss man ein Schauspiel kürzen, wenn man es vertonen will, zumal ein so wortreiches wie „Quai West“, und ich habe sogar im fertigen Libretto noch einmal gekürzt. Koltès hat jegliches Pathos gehasst, und so war klar, dass das Libretto und auch die Musik leicht, beinahe ironisch sein muss und trotzdem die Härte des Lebens widerspiegeln soll. Kristian Frédric und Florence Doublet haben die Dialoge zu kurzen, schnellen Wortwechseln zusammengezogen, was dem Charakter des „Dealens“ entspricht, der ja allen Szenen zugrunde liegt. Dem stehen die Monologe mit einem langsameren, „heiligen“ Tempo gegenüber. Dieses Gleichgewicht der zwei Zeitmaße in Dialogen und Monologen war sehr wichtig für die Struktur des Librettos.


Die Kürzungen, denen ja vor allem die für Koltès typischen langen Textblöcke zum Opfer fallen, verändern den Charakter des Textes entscheidend. Welchen musikalischen Bogen setzt Ihre Komposition an diese Stelle?
Es gibt in der Oper eine Entwicklung vom Alltäglichen zum Heiligen. Im ersten Teil der Oper gibt es viel dialogischen Sprechgesang und Elemente von populärer Musik, im zweiten Teil kommen zwei große Gesangs­ensembles. Schon beim Lesen des Stückes merkt man, dass sich Koltès irgendwann nicht mehr für seine Figuren interessiert. Die Geschichte von Maurice Koch etwa gerät im letzten Teil des Dramas völlig in den Hintergrund. Patrice Chéreau soll regelrecht schockiert über das schreckliche Ende, die Schüsse aus der Kalaschnikow, gewesen sein. Ich habe versucht, dem entgegenzuwirken. Es gibt in meiner Oper einen Bruch, der vor der 25. Szene, also nach der Vergewaltigung und Charles’ Gespräch mit seinem Vater stattfindet. Das ist die dunkelste Stelle der Oper. Der danach folgende Teil ist wie eine Passion: Alles geht zu Ende, die Zeit wird gedehnt, die Figuren treten in ein Zwischenreich des Todes ein. Alle befinden sich in einer Art von Erstarrung, wie traumatisiert nach einem großen Schock. Ich habe da das Schlagzeug wie bei japanischen Totenritualen eingesetzt, so erhält der ganze Schluss den Charakter eines Rituals, einer großen Totenklage, einer Art Requiem.


Welche Funktion hat die Musik in Ihrer Vertonung?
Es war mir wichtig, die Idee des Traumzustandes in meiner Musik umzusetzen. „Quai West“ ist ja keine klassische Geschichte, sondern vielmehr eine Abfolge von Szenen, die sich auch zur gleichen Zeit abspielen könnten. Der Ort, dieser Hangar in New York, hält das alles zusammen. Koltès ist beim Schreiben auch von diesem Ort, den er selbst gekannt hat, ausgegangen, und so war es für mich spannend, mir diesen Ort vorzustellen, der New York sein könnte. Der Ort ist eine Art von Figur, so wie in den Filmen von David Lynch, die ja auch oft ihren Namen von ihren Locations, ihren Handlungsorten erhalten. Insofern würde ich sagen, die Musik, das ist der Ort in dieser Oper. Die Musik ist nicht psychologisch, und sie erzeugt auch keine Atmosphäre. Sie ist präsent wie das Bühnenbild.


Was bedeutet es, wenn eine Musik nicht psychologisch ist?
Ich kenne und schätze die großen expressionistischen Opern des 20. Jahrhunderts wie Alban Bergs „Wozzeck“. Wenn in diesen Werken ein Mensch zum Mörder wird, schreit die Musik immer „Mörder!“. Ich verstehe, warum Komponisten so etwas machen, aber diese Art von Musik hat heute ihren Platz in der Filmmusik. Ich wollte eine Musik schreiben, die nicht die Vorgänge illustriert, nicht kommentiert. Die Musik in meiner Oper ist eigentlich unabhängig von den Figuren, sie ist weder sentimental noch pathetisch. Ein Beispiel dafür ist die Vergewaltigung Claires durch Fak: Die Musik ist an dieser Stelle fast neutral, ganz ohne Pathos und ohne dass sich in der Musik eine Entsprechung zu der schrecklichen Tat findet. Aber ich denke, genau dadurch wird die Szene noch schlimmer. Die Musik hat eine schreckliche, eine grausame Neutralität.


Bedeutet das denn, dass die Musik mitleidlos ist? Oder anders gefragt: Soll sich der Zuschauer von den Figuren distanzieren?
Auf keinen Fall! Im Gegenteil, nach der Uraufführung in Straßburg haben mir viele Zuschauer gesagt, dass sie Anteil an den Figuren genommen haben. Ihre Reaktion war gar nicht intellektuell, sondern sehr unmittelbar und emotional. Das ist für mich das Wichtigste an dem Stück.



Wie würden Sie Ihre Musik stilistisch einordnen? Welche Kompo­sitionsprinzipien liegen der Partitur von „Quai West“ zugrunde?
Ich glaube, die Begriffe „tonal“ und „atonal“ haben heute eigentlich keine Bedeutung mehr bzw. ihre Bedeutung interessiert ein Publikum auch nicht. Auch die alten Positionen von Avantgarde auf der einen und Neoklassizismus auf der anderen Seite greifen heute nicht mehr. Ich empfinde den Stil der „Avantgarde“, den ich nicht besonders mag, seinerseits heute als konventionell. Was früher einmal bahnbrechend war, wird immer weniger interessant. Meine Generation ist sehr von dem ungarischen Komponisten György Ligeti beeinflusst, für den die Beschäftigung mit tonalen Strukturen immer wichtiger wurde. Am Ende war sein Stil für die einen dann zu tonal, für die anderen war er nicht tonal genug … Ich versuche in meinen Kompositionen, Einflüsse zu mischen, die in sich zunächst sehr gegensätzlich sind. Ich setze einerseits Patterns zu repetitiven Strukturen zusammen und arbeite andererseits mit spektralen Harmonien, also harmonischen Strukturen, die aus Obertonanalysen gewonnen werden. Diese Stilmischung schließt auch Elemente von populärer Musik mit ein, wie etwa Anspielungen auf Filmmusik von Ennio Morricone aus den 70er Jahren. Diese Mischung gibt der Musik eine ironische Haltung, eine Distanz, eine Uneigentlichkeit. Es ist sehr leicht, das zu kritisieren, sich darüber lustig zu machen oder es als „Schönklang“ zu etikettieren, was es überhaupt nicht ist. Ich hatte noch nie Angst davor, als Eklektiker bezeichnet zu werden. Koltès mochte Bach und Bob Marley: Das ist mir sehr sympathisch!


Die Figuren von Koltès’ Stück kommen nicht nur aus verschiedenen sozialen, sondern auch aus verschiedenen ethnischen Kontexten. Welche Bedeutung hat das für die Komposition?
Das hat eine große Bedeutung, denn jede Figur bringt eine spezielle musikalische Farbe mit, vor allem im ersten Teil der Oper. So gibt es z.B. für Monique in der 19. Szene eine Art „falschen“ Blues, während in den Partien von Fak und Charles Anklänge an Popsongs und Musicals zu finden sind. Ich denke, diese stilistischen Anleihen führen auch dazu, die Situation zu ironisieren. Koltès hat ja immer wieder betont, dass seine Stücke von einem Humor leben, der eben nicht eindeutig ist. Vor allem kann die Tragik nur aus der Komik entstehen.

Die Nürnberger Aufführung ist eine zweite Uraufführung des Werkes, denn mit der Übertragung des Textes ins Deutsche haben Sie eine ganze Reihe von Revisionen an der Partitur vorgenommen. Wie unterscheidet sich die deutsche von der französischen Fassung?
Ich bin sehr froh, dass es diese zweite Uraufführung gibt, denn so konnte ich die Erfahrungen der Straßburger Uraufführung direkt anschließend in eine revidierte Fassung einfließen lassen. Als mir Carolyn Sittig, die die deutsche Textfassung gemacht hat, den Text geschickt hat, habe ich mich sehr befreit gefühlt. Ich hatte spontan Lust, mehr Kontraste in die Singstimme einzufügen, einerseits mehr Sprechgesang, andererseits mehr Chromatik, und den Gesang insgesamt freier im Rhythmus und Melodik zu gestalten. Die deutsche Fassung ist „schmutziger“, sie enthält mehr „Blue notes“, wie man im Jazz sagt. Von den Sängern habe ich einiges gelernt, wie Stimmen mit einem deutschen Text anders funktionieren als mit der französischen Sprache. Ich mag die deutsche Version mehr als die Urfassung und werde die Änderungen dieser Fassung nun auch auf die französische Version rückübertragen.
Das Gespräch führte Kai Weßler







10/02/2015

"Sur le plan théâtral c'était très gratifiant et le public a adoré" : le ténor Julien Behr parle de son rôle dans l'opéra Quai Ouest sur http://odb-opera.com


Le ténor Julien Behr parle de son rôle dans l'opéra Quai Ouest sur odb-opera.com

"(...) Vous avez participé à la Création de Quai Ouest à Strasbourg. Comment vous situez vous par rapport à ce répertoire contemporain?

Je n'ai pas une affinité particulière pour la musique contemporaine mais j’avais envie de faire cette expérience, d'autant que ce rôle a été écrit pour moi. Le casting a été proposé par l'Opéra du Rhin et Régis Campo a composé pour les voix qui ont été choisies. J’ai été très satisfait de ce qu'il m’a écrit. Sur le plan théâtral c'était très gratifiant et le public a adoré. Certains exégètes de la musique contemporaine ont pu regretter une écriture pas assez novatrice... mais j'ai beaucoup aimé. Les moyens ont été mis pour faire un beau spectacle.(...)"


Entretien réalisé par Gérard Ferrand à Lyon le 19 janvier 2015


la suite de l'entretien sur :http://odb-opera.com/viewtopic.php?f=21&t=15435&p=242980#p242980

Le site de Julien Behr : http://www.julienbehr.com/


© Eric Mercier

07/02/2015

Photos Quai West : Régis Campo with Carolyn Sittig, Augustin Dikongué and Fabrice di Falco

Fabrice di Falco, les frères Lumière, Régis Campo - Lille, 02.02.2015 - during Victoires de la musique classique 2015



Carolyn Sittig, Augustin Dikongué, Régis Campo and
Fabrice di Falco after a performance of Quai West, Nuremberg, 07.02.2015 




Staatstheater Nürnberg
Richard-Wagner-Platz, Nürnberg

06/02/2015

"l'opéra a été un vrai succès public et critique" : Le ténor Julien Behr parle de son rôle dans l'opéra Quai Ouest - http://www.opera-online


« Révélation lyrique » de l’Adami en 2009, nommé dans la catégorie « Révélation lyrique » aux Victoires de la Musique Classique 2013, Julien Behr est le ténor mozartien français du moment. Il le prouve actuellement à l'Opéra National de Lyon où il interprète le rôle d'Arbace dans Idomeneo (dans une production signée Martin Kusej qui nous a laissé plus que perplexe...), et le confirmera - nous n'en doutons pas un seul instant - dans la reprise de La Flûte enchantée à l’Opéra Bastille au printemps prochain. Nous l'avons rencontré à l'occasion des représentations lyonnaises, et l'avons entretenu sur son parcours et ses projets... - 


Entretien avec Julien Behr, Arbace à l'Opéra National de Lyon


"(...) Vous avez participé en septembre dernier, à l'Opéra du Rhin, à la création mondiale de Quai Ouest, un opéra de Régis Campo. Pouvez-vous nous parler de cette expérience ?


Pour commencer, je suis ravi d'avoir fait l'expérience d'une création, et fier de me dire que le rôle a été écrit pour moi. Régis Campo m'a écrit des parties assez gratifiantes, et l'opéra a été un vrai succès public et critique. C'est un ouvrage très glamour, tourné vers l'avenir, avec de réels moments de grâce dans la partition. Moi qui adore la chanson, j'avais un air accompagné à la guitare électrique, ce qui m'a donné l'impression d'être une vraie rockstar ! J'ai sorti mes tripes, comme si j'étais Johnny Halliday, et ça a été une formidable expérience (...)"


Propos recueillis à Lyon par Emmanuel Andrieu
- See more at: http://www.opera-online.com/articles/entretien-avec-julien-behr-arbace-a-lopera-national-de-lyon




© Eric Mercier

04/02/2015

(VIDEO) Trailer of Quai West, Oper von Régis Campo - Staatstheater Nürnberg

video
https://www.youtube.com/watch?v=26afqRKfDwo
https://www.youtube.com/watch?v=4o52yQJYd44
Trailer of 
Quai West, Oper von Régis Campo - Staatstheater Nürnberg
https://www.facebook.com/pages/Régis-Campo/152148588133658?fref=ts
Libretto von Kristian Frédric und Florence Doublet nach dem Stück von Bernard-Marie Koltès © Editions de Minuit
Deutsche Fassung von Carolyn Sittig nach der Übersetzung von Simon Werle © Verlag der Autoren
Uraufführung der deutschen Fassung
Koproduktion mit der Opéra National du Rhin, Strasbourg

Staatstheater Nürnberg
Oper von Régis Campo


"une actualité oppressante" - "Beklemmende Aktualität", Monika Beer - http://www.bamberger-onlinezeitung.de 02.02.2015


Beklemmende AktualitätNichts wie hin! Die deutsche Fassung der „Quai West“-Oper von Régis Campo überzeugt im Opernhaus Nürnberg.
Natürlich war es ein Zufall, dass nur zehn Tage zuvor die Terroranschläge in Paris passiert waren. Der „Je suis Charlie“-Abdruck im Programmheft zur deutschen Fassung der OperQuai West (Quai Quest) von Régis Campo in Nürnberg war trotzdem keine aufgesetzte Reaktion, sondern angemessen. Denn dieser Opernabend wirkt beklemmend aktuell, obwohl das zugrunde liegende Sprechtheater von Bernard-Marie Koltès schon rund dreißig Jahre alt ist. Die auf dreißig Sequenzen und eineinhalb Stunden Spieldauer eingedampfte, eigentlich handlungsarme Handlung hat nicht konkret mit dem aktuellen Geschehen in Frankreich zu tun, aber sie skizziert die Ursachen.Die Koproduktion der Opéra National du Rhin Strasbourg und des Staatstheaters Nürnberg ist eine doppelte Uraufführung. Das Original-Libretto von Kristian Frédric und Florence Doublet liest sich in der deutschen Fassung von Carolyn Sittig zwangsläufig anders. Darüber hinaus hat der Komponist – der 1968 geborene Régis Campo ist derzeitcomposer in residence an der Pegnitz – nach den Erfahrungen der Vorstellungen in Frankreich im Herbst 2014 gerne auf die neue Sprache reagiert. Die deutsche, für ihn gültigere Version ist „schmutziger“, hat mehr Kontraste in den Singstimmen, mehr Sprechgesang und mehr Chromatik.Dass Campo generell offen ist für die unterschiedlichsten Einflüsse, hört man seiner ersten großen Oper an: ein atmosphärisch dichter, oft hell irisierender Stilmix aus Postromantik, Minimal-Music und Filmmusik, mit Rock-, Blues- und Flamenco-Einsprengseln und einem magischen Fernchor. Die Staatsphilharmonie Nürnberg unter Generalmusikdirektor Marcus Bosch, der den Einakter schon in Straßburg mit aus der Taufe gehoben hat, tritt in Mozart-Stärke an, hinzu kommen obertonreiche Percussion-Klänge, E-Gitarre, E-Bass und Synthesizer. Die vor allem rhythmisch anspruchsvollen Solopartien wechseln zwischen Sprechgesang, Vokalisen und ariosen Teilen – in einer bestechenden Wortverständlichkeit, so dass es Übertitel nur in den Ensembleszenen braucht.Bullshit lautet ein von allen Protagonisten gesungener zentraler Ausdruck. Was natürlich am Stück liegt, beziehungsweise am (Un-)Ort. Der an Aids früh verstorbene Koltès kannte die reale, von allen guten Geistern verlassene und verrottende West-Side-Story-Szenerie aus eigener Erfahrung. Sein Quai Ouest muss aber nicht in New York spielen, sondern passt letztlich überall hin. Es ist eine von vielen Endstationen, wo diejenigen stranden, die die Gesellschaft ausspuckt: Klein- und Großkriminelle, Migranten, Entwurzelte und Gescheiterte aller Art, Underdogs egal welchen Alters und Geschlechts, egal welcher Herkunft und Hautfarbe (Bühnenbild: Bruno de Lavenère, Kostüme: Gabriele Heimann).Genau dorthin kommt der ruinierte Geschäftsmann Maurice Koch (Pavel Shmulevich), begleitet von Monique Pons (Leah Gordon), seiner Sekretärin und Ex-Geliebten. Sie treffen auf den geheimnisvoll schweigenden Schwarzafrikaner Abad (Augustin Dikongué), einen testosterongebeutelten Mann namens Fak (Fabrice di Falco) und eine Einwandererfamilie mit indianischen Wurzeln: die hier nie heimisch gewordene Cécile (Leila Pfister), ihr in jeder Hinsicht kriegsversehrter Mann Rodolfe (Taehyun Jun), der seinen Sohn Charles (Hans Kittelmann) fühllos auflaufen lässt und die blutjunge Tochter Claire (Michaela Maria Mayer) der Vergewaltigung preisgibt.Am Ende sind drei Figuren tot. Koch, der sich durch einen Sprung ins Wasser aus der Verantwortung stehlen wollte, wird umgebracht, Cecile stirbt ohne Gewalteinwirkung, Charles unter einer MP-Salve. In das Entsetzen über das sinnlose Sterben mischt sich die Erkenntnis, dass genauso gut die anderen hätten draufgehen können. Die Trennung zwischen Täter und Opfer scheint aufgehoben in dieser Welt, wo jeder nur noch sich selbst der Nächste ist und alle verloren sind. Nur in den Frauenfiguren steckt ein Hauch von Hoffnung und Utopie. Ihnen hat Régis Campo ein betörend kontemplatives Terzett komponiert, das inne- und gleichsam die Zeit anhält. Es braucht den Vergleich mit dem wohl vorbildhaften Rosenkavalier-Schlussterzett nicht zu scheuen, zumal wenn drei so ausdrucksstarke wie kostbare Stimmen zur Verfügung stehen. Auch darstellerisch ist die Nürnberger Besetzung erstklassig.Einfühlsam und kundig die Regie von Kristian Frédrik, der Quai West als eine mythische Parabel inszeniert, aus der zu erfahren ist, dass eine Gesellschaft dem Terror den Boden selbst bereitet, wenn sie außer Eigennutz und Gier keine Werte mehr hat, wenn sie Migranten allein lässt und ausgrenzt, wenn Jugendliche orientierungs- und arbeitslos in ghettoartigen Vorstädten aufwachsen müssen. Um in den Himmel zu kommen, singt der junge Charles, bevor er abgeknallt wird, muss man eine Steuererklärung in ausreichender Höhe mitbringen. „Das ist kein elementarer Pessimismus, das ist ein elementarer Realismus“, stellte Dramatiker Koltès schon 1988 fest. Und: „Die einzige Moral, die uns bleibt, ist die Moral der Schönheit.“ Genau das hat Régis Campo mit seiner Veroperung eingelöst.Monika Beer
http://www.bamberger-onlinezeitung.de/2015/02/02/beklemmende-aktualitaet

Besuchte Vorstellung am 17. Februar (Premiere). Weitere Aufführungen nur noch am 7., 15., 18. und 26. Februar sowie am 7. März. Karten gibt es per Telefon unter 0180-5-231 600 sowie online unter http://www.staatstheater-nuernberg.de


 Dass Fak (Fabrice de Falco) es auf Claire (Michaela Maria Mayer) abgesehen hat, sieht man ihm an: Szene aus der Uraufführung der Oper „Quai West“ im Opernhaus Nürnberg. Foto: Ludwig Olah